Pragmatisches zur phonetischen Realisierung

Seit einem Semester studiere ich an der Karl Franzens-Universität Transkulturelle Kommunikation (neudeutsch für Dolmetsch-/Übersetzungsstudium). Durch die intensive Auseinandersetzung mit Sprache aus verschiedensten Blickwinkeln bin ich noch pingeliger geworden, was den richtigen Gebrauch von Sprache anbelangt, als ich es ohnehin schon war. Familie und Freunde treibe ich mit dem notorischen Korrigieren sprachlicher Unfeinheiten, falscher Fälle oder Aussprache-Patzern langsam, aber sicher in den Wahnsinn – und, ehrlich gesagt, muss das ja auch wirklich nicht sein, ich selbst sage und schreibe wahrscheinlich genauso viel Blödsinn wie alle anderen.

Anders als bei einer Konversation im Familien- oder Freundeskreis sollte man etwa bei Medienberichten erwarten, dass auf korrekte Ausdrucksweise sorgfältiger geachtet wird. Nehmen wir nur einmal die Aussprache von (v.a. fremdländischen) Namen in Rundfunk und Fernsehen als Beispiel: In beinahe jeder Nachrichtensendung hört man Neues aus Libyen – neu sind teilweise aber nicht nur die Informationen, sondern auch die Aussprachevarianten. Fakt ist allerdings, dass das Land ausgesprochen weder „Lübien“, „Libüen“ noch „Lübüen“ heißt, sondern „Libien“ – ein Gegencheck mit Wikipedia dauert etwa eine Sekunde und liefert sowohl die Lautschrift als auch eine Audiodatei, in der man die richtige Aussprache anhören kann.

Selbiges gilt auch für WikiLeaks-Gründer Julian Assange, der in den letzten Monaten die Medien beherrschte – meist „Ässänsch“ getauft (was ja noch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar ist), wurde ihm heute in der ZIB24 sogar der wundesame Name „Ässönsch“ zuteil; beide Varianten sind allerdings falsch, auch das lässt sich mit einem kurzen Gegencheck bei Wikipedia in Sekundenschnelle nachprüfen.

Um noch einmal auf das Thema Libyen zurückzukommen: Vor einige Probleme stellt die Medien auch die richtige Schreibung des Namens Muammar al-Gaddafi: meist ist „Gaddafi“ zu lesen, andere Medien (z.B. die „Presse“) schreiben Gadhafi, wieder andere „Gaddhafi“. Das bereits viel zitierte Wikipedia bietet in diesem Fall die Schreibweisen „Gaddafi“ oder „Qhaddafi“ an.

An dieser Stelle sei übrigens bemerkt, dass ich Wikipedia absolut nicht für allwissend halte – mit einer Fehlerquote von angeblich nur etwa einem Prozent ist man jedoch deutlich besser damit beraten, schnell bei Wikipedia nachzuschauen, als einfach irgendetwas zu sagen/schreiben (immerhin hat man so die Chance, zu 99% richtig zu liegen).

Doch nicht nur Nachrichtensendungen und die Tagespresse warten mit allerlei Wunderlichkeiten sprachlicher Natur auf: Ein Highlight auf diesem Gebiet ist jeden Donnerstag auch „Little Britain“. Der ORF strahlt (Gott sei Dank) die englische Originalfassung aus, (leider) mit deutschen Untertiteln. Diese Untertitel zeichnen sich bisweilen nämlich dadurch aus, dass das Gesagte wörtlich übersetzt wird, auch wenn die englische Formulierung beispielsweise schwach motiviert bzw. idiomatisch ist – und somit im deutschen etwas ganz Anderes bedeutet. Bisweilen werden englische Formulierungen zudem einfach mit einer falschen Bedeutung ins Deutsche übersetzt. So sagte letzte Woche beispielsweise ein Jäger zum anderen „I think you can take that [i.e. some animal] down“ – die deutsche Übersetzung dafür lautete „Ich denke, du kannst das runternehmen“. Ähnlich seltsam mutet etwa auch die Übersetzung von „I really want you“ (situationsbedingt ist klar, dass diese Aussage in sexueller Hinsicht zu verstehen ist) zu „Ich mag dich wirklich sehr“ an.  Hierbei frage ich mich, wie solche Fehler jemandem passieren können, der wahrscheinlich ein abgeschlossenes Studium in diesem Bereich hat hat, in jedem Fall aber eine Übersetzertätigkeit ausführt, für die im Normalfall eine gewisse Qualifikation vorausgesetzt wird.

Natürlich gibt es Schlimmeres als solche Fehler und wir könnten zugegebenermaßen froh sein, wenn das die größten Probleme auf der Welt wären. Nichtsdestotrotz sollten solche Patzer in den Medien nicht (oder zumindest nicht so häufig) passieren – denn so wie man von einem guten Tischler erwartet, dass ein von ihm produziertes Möbelstück keine groben Schnitzer aufweist, so erwartet man auch von jemandem, der berufsmäßig mit Worten zu tun hat, dass er so banale Fehler vermeidet.

Über Clemens Wolf

From Graz, Austria. Studying Journalism & Public Relations (PR). Interested in foreign languages, radio journalism, social media, etc.

2 Antworten zu „Pragmatisches zur phonetischen Realisierung

  1. Zu Assange: Bei einer ZIB-Führung haben sie uns erklärt, wenn sie nicht sicher sind schauen sie was die anderen, originalsprachigen Sender sagen und da allein bei CNN schon 5 Versionen von Assange aufgetaucht sind haben sie es jedem freigestellt wie er es sagen will.

  2. Interessant und irgendwie auch verständlich. Trotzdem spricht es, finde ich, nicht gerade für ein Nachrichtenmagazin, wenn das jeder nach Belieben aussprechen kann – Leute, die z.B. regelmäßig die ZIBs schauen, hören dann ebenfalls 5 verschiedene Varianten und sind wsl. dementsprechend verwirrt. Auch im Bezug auf Libyen (wo die Lage zugegebenermaßen eindeutiger ist), hat es (lt. Armin Wolf via Twitter) eine Direktive gegeben, wie das ausgesprochen werden MUSS – wäre vielleicht in diesem Fall trotzdem angebracht.
    Außerdem ist ganz sicher nicht gemeint, dass ein Redakteur in ein und demselben Bericht den Namen in verschiedenen Varianten aussprechen kann/soll/darf – so war’s aber in der angesprochenen ZIB24. ;)

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